(Wozu) braucht es Lernziele?

Wir alle kennen sie. Aus der Schule, aus dem Studium, aus Weiterbildungen. Oft sind sie das Erste, was man sieht: Lernziele. Ob analog oder digital, viele Trainings beginnen mit Aussagen wie «Nachdem Sie dieses Training absolviert haben, können Sie dieses und jenes.». Lesen Sie die Lernziele jeweils? Ich gebe zu: Das waren in meinem Studium jene Folien, die ich weggelassen habe, meist aus Effizienzgründen. Wenn ich heute ein Web-based Training (WBT) erstelle, frage ich mich häufig: Soll ich für die Teilnehmenden Lernziele formulieren und die zu Beginn präsentieren? In diesem Beitrag suche ich nach Antworten auf diese Frage.

somedia learning simone pauli

Autorin: Simone Pauli; Senior Beraterin, Co-Geschäftsführerin
Datum: 24. Februar 2026
Lesedauer: 3 Minuten

Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg

So lautet der Zwischentitel eines Blogbeitrags, den ich am 15. September 2022 zum Thema «Didaktische Elemente, die Inhalt aufwerten» geschrieben habe. Ein didaktisches Element: besagte Lernziele. Die Argumentation pro Lernziele war, dass mit Lernzielen Trainings-Teilnehmende auf den Inhalt vorbereitet werden. Sie erhalten eine Orientierung, was sie nach Absolvieren des Trainings können, wissen oder auszuführen in der Lage sind. Sodass sie beispielsweise den Abschlusstest mit Bravour bestehen. Diese Kriterien gleich zu Beginn offenzulegen, schärft den Blick und setzt den Fokus.

Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, dann klingt das total logisch. Man kann jetzt natürlich argumentieren, dass es eine Rolle spielt, wie die Lernziele formuliert sind. Sind es schwammige Ziele à la «Du weisst, wie du einen Antrag stellst» oder «Du kennst die gesetzlichen Grundlagen». Sie können jetzt – zu Recht – gegenargumentieren, dass die Formulierung der Lernziele ja auch besser ginge. Gute Lernziele sind, wie alle Ziele, SMART:

  • spezifisch (umsetzbar in konkrete Handlungen)
  • messbar (mit sinnvollen Methoden erreichbar und mit klaren Kriterien überprüfbar)
  • relevant (offensichtlich nützlich für den Arbeitsalltag)
  • realistisch (aufbauend auf Vorwissen, das man erwarten darf und mit vernünftigem Aufwand erreichbar)

Ist das wirklich so?

Ich bin Lernziel-kritisch. Auch wenn mich meine Argumentation von 2022 leicht überzeugen konnte, finde ich Lernziele aus Trainings-Teilnehmerinnen-Sicht mühsam. Woran liegt das, Geschmacksache, Faulheit, Ignoranz? Schauen wir, was die Wissenschaft sagt. Punkt für Faulheit: Ich frage Claude.

Claude Anfrage

 

Claude ist grundsätzlich pro Lernziele, zeigt aber auch Grenzen auf: «Klar formulierte Lernziele bieten wissenschaftlich belegten Mehrwert: Sie verbessern die kognitive Verarbeitung und Aufmerksamkeitslenkung, steigern die Motivation durch erkennbare Fortschritte und fördern selbstreguliertes Lernen. Die positiven Effekte sind besonders stark, wenn Lernziele konkret und angemessen formuliert sind (z. B. nach SMART oder Blooms Taxonomie). Allerdings können zu enge Lernziele kontraproduktiv wirken, wenn sie ausschließlich auf Prüfungserfolg ausgerichtet sind und tieferes Verständnis vernachlässigen.»

Als ich um Studien bitte, zitiert Claude diverse Studien zwischen 1962 bis 2012. Ich frage weiter nach Studien zum digitalen Lernkontext, zu Web-based Trainings, die 30 Minuten dauern. Monsieur Claude empfiehlt: «Ja, Sie sollten zu Beginn Lernziele nennen. Die Evidenz spricht dafür, dass dies besonders bei kurzen digitalen Formaten wichtig ist, weil: (1) die kognitive Orientierung bei selbstgesteuertem Lernen fehlt, (2) Lernende die Relevanz schnell erfassen müssen, und (3) kurze Module gezieltes, effizientes Lernen erfordern.»

Ich bin also speziell, was Lernziele betrifft

Jein. Ich recherchiere weiter und bitte Claude um Studien, die kontra Lernziele sind. Er findet – natürlich – auch Schattenseiten von Lernzielen: Kirschner, Sweller und Clark (2006) warnen davor, dass zu starre Lernziele das freie Erkunden und Entdecken ausbremsen können. Wenn Ziele zu eng sind, lernen die Leute oft nur noch fürs Abhaken, statt wirklich zu verstehen. (Da wäre ich also effizienter gewesen, hätte ich mich im Studium an den Lernzielen orientiert?! Mist, Chance verpasst.)

Eine Microlearning-Studie fand heraus, dass «unerwartetes Lernen» ein wichtiger Effekt sein kann (ScienceDirect); und das geht verloren, wenn alles vorgegeben ist. Ausserdem können zu viele Lernziele abschrecken und die Lust am Lernen schmälern, gerade wenn sie sich wie Pflichtprogramm anfühlen.

Ich glaube, bei mir war Letzteres das Problem. PowerPoint-Folien voller Lernziele – da hatte ich keine Nerven für. Wären es drei kurze, auf den Punkt formulierte Lernziele gewesen, hätte ich sie wahrscheinlich eher gelesen. Wahrscheinlich. Item, kurz oder lang, dafür ist es jetzt eh zu spät.

Lernziele – eine Hassliebe

Zugegeben, ich bin nicht nur kontra Lernziele. Für die Person, die ein Training erstellt – und das bin oft ich – sind Lernziele elementar. Sie geben einen Rahmen und helfen abzuschätzen, welche Informationen vermittelt werden. Wir kennen es alle: Ziel ist es, ein WBT à 20 Minuten zu erstellen. Man sammelt Informationen, Wissen, bereitet es auf und merkt «Ah, das ist auch noch spannend!» und «Das müssen die Teilnehmenden unbedingt, wirklich zwingend, auch noch wissen!». Einmal blinzeln und das Training dauert 30 Minuten. Zweimal blinzeln, 35 Minuten. Dreimal blinzeln, Sie wissen, was ich meine. Hier sind Lernziele elementar, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und dem Inhalt klare Grenzen zu setzen. Ziel ist, dass nur Wichtiges ins Training kommt.

Was ist, wenn nur Wichtiges im Training ist?

Als WBT-Erstellerin orientiere ich mich an den Lernzielen und packe nur ins Training, was die Teilnehmenden wirklich brauchen. Das heisst: Alle Inhalte sind wichtig. Und wenn alles wichtig ist – braucht es dann noch eine Liste von Lernzielen am Anfang? Oder ist der Weg selbst die Orientierung?

Meine heutige Haltung: Lernziele ja, aber nur wenn sie wirklich etwas leisten und nicht bloss Pflichtprogramm sind. Im Zweifelsfall: weglassen.

Wie sehen Sie das? Team Lernziel oder Team «einfach loslegen»? Ich freue mich über Ihre Rückmeldung.

Lernziele: ja oder nein?

Ich freue mich auf Ihre Meinung zum Thema.
Selbstverständlich berate ich Sie auch gerne bei der Erstellung Ihres nächsten WBT. Wir könne auch vorgängig  gerne gemeinsam die Lernziele dafür definieren.

Simone Pauli

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