Sechs Lernmythen aufgedeckt

Lerntypen, Vergessenskurve, 70-20-10. Kaum ein Bereich ist so voller Mythen wie das Lernen selbst. Viele der vermeintlichen Wahrheiten sind längst widerlegt, prägen aber weiterhin, wie Lernangebote entwickelt und umgesetzt werden. In diesem Beitrag räumen wir mit sechs bekannten Lernmythen auf, zeigen, warum sie sich so hartnäckig halten und was die Lernforschung stattdessen wirklich weiss. Ziel ist nicht, mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, sondern Impulse zu geben, wie Sie Lernprozesse wirksamer, motivierender und nachhaltiger gestalten können.

somedia learning simone pauli

Autorin: Simone Pauli; Co-Geschäftsführerin und Mitinhaberin
Datum: 12. November 2025
Lesedauer: 4 Minuten

Mythos 1: Lerntypen

«Menschen lernen besser, wenn Lerninhalte auf ihren Lerntyp angepasst sind.»

  • Was der Mythos meint: Ob visuell, auditiv, haptisch oder kognitiv, die Vorstellung ist, dass jeder Mensch einen bevorzugten «Lerntyp» hat und deshalb individuell abgestimmte Lernmaterialien besser verarbeitet.
  • Warum es ein Mythos ist: Zahlreiche Studien zeigen: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass der eigene Lerntyp den Lernerfolg messbar beeinflusst. Wir alle lernen mit einer Mischung aus verschiedenen Sinneskanälen. Oft verwechseln wir persönliche Vorlieben mit tatsächlicher Effektivität, ein klassischer Bestätigungsfehler (Confirmation Bias).
  • Wie Sie es besser machen: Gestalten Sie Lernangebote so, dass Bild und Text sinnvoll aufeinander abgestimmt sind (Multimedia-Prinzip). Diese Kombination fördert die Verknüpfung von Wissen im Gehirn. Entscheidend ist nicht der Lerntyp, sondern die Passung von Lernziel, Inhalt und Zielgruppe. Achten Sie auf relevante, praxisnahe und gut zugängliche Inhalte, die Lernende aktiv einbinden.

Mythos 2: Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus

«Neues Wissen wird automatisch nach einer festen Kurve wieder vergessen.»

  • Was der Mythos meint: Die berühmte «Vergessenskurve» von Hermann Ebbinghaus besagt, dass Menschen neu Gelerntes nach kurzer Zeit wieder vergessen, unabhängig vom Inhalt oder der Situation.
  • Warum es ein Mythos ist: In der Realität ist Vergessen ein individueller und dynamischer Prozess. Ob Wissen bleibt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa Relevanz, Emotionen, Vorwissen, Kontext oder Anwendungsmöglichkeiten. Vergessen ist kein Zeichen von Scheitern, sondern Teil des Lernens: Es hilft, Wichtiges zu festigen und Unwichtiges loszulassen. Fun Fact: Ebbinghaus hatte in seiner Studie nur einen einzigen Probanden – sich selbst.
  • Wie Sie es besser machen: Nutzen Sie Spaced Repetition, also das zeitlich gestaffelte Wiederholen von Inhalten. Aktivieren Sie das Vorwissen Ihrer Lernenden, schaffen Sie Relevanz und ermöglichen Sie praktische Anwendung. So fördern Sie nachhaltiges Behalten. Ergänzen Sie Ihre Lernangebote um Elemente wie Reflexion, Interaktion und soziale Lernformen, um Wissen langfristig zu verankern.

Mythos 3: Videos machen schnell schlau

«Mit Lernvideos lernen wir mühelos nebenbei.»

  • Was der Mythos meint: Videos gelten als besonders moderne und effektive Lernmethode. Sie sollen Wissen einfach, attraktiv und effizient vermitteln.
  • Warum es ein Mythos ist: Lange Videos werden häufig nicht zu Ende geschaut, bei einer Dauer von über 20 Minuten brechen rund 70 % der Lernenden ab. Videos führen leicht zu passivem Konsum oder kognitiver Überlastung, wenn sie nicht didaktisch eingebettet sind. Entscheidend ist zudem nicht das Medium selbst, sondern, wie es eingesetzt wird.
  • Wie Sie es besser machen: Setzen Sie auf Qualität vor Quantität. Kurze, gut strukturierte Videos, die durch Reflexionsfragen, Interaktionen oder Verständnischecks ergänzt werden, fördern aktives Lernen. Ermöglichen Sie den Lernenden Kontrolle über die Wiedergabe (z. B. Abspielgeschwindigkeit, Kapitelmarken) und betten Sie Videos in einen sinnvollen Lernkontext ein. Ein gutes Video ersetzt kein didaktisches Konzept, es ist Teil davon.

Mythos 4: Gamification steigert automatisch die Motivation

«Mit Punkten, Badges und Ranglisten wird jedes Lernen spannend.»

  • Was der Mythos meint: Gamification-Elemente wie Belohnungen, Ranglisten oder virtuelle Abzeichen sollen Lernende spielerisch motivieren und zu mehr Engagement führen.
  • Warum es ein Mythos ist: Gamification allein macht kein gutes Lernen. Ohne didaktisches Fundament und klares Ziel kann sie schnell oberflächlich wirken oder sogar kontraproduktiv sein; etwa, wenn falsches Verhalten belohnt oder Lernende frustriert werden. Motivation ist komplex und entsteht nicht automatisch durch spielerische Elemente.
  • Wie Sie es besser machen: Erfolgreiche Gamification basiert auf klaren psychologischen Prinzipien wie Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Lernen Sie Ihre Zielgruppe kennen, ihre Bedürfnisse, ihr Vorwissen und ihre Herausforderungen. Entwickeln Sie für diese Zielegruppe ein durchdachtes Konzept mit sinnvollem Storytelling, passenden Schwierigkeitsstufen und konstruktivem Feedback. Gamification kann Lernprozesse verstärken; aber nur, wenn sie zielgerichtet, relevant und didaktisch fundiert umgesetzt wird.

Mythos 5: Selbstgesteuertes Lernen funktioniert von selbst

«Lernende wissen am besten, was und wie sie lernen sollen.»

  • Was der Mythos meint: Selbstgesteuertes Lernen setzt voraus, dass Lernende eigenständig entscheiden können, was sie lernen, welche Strategien sie anwenden und wie sie ihren Fortschritt steuern.
  • Warum es ein Mythos ist: Diese Form des Lernens verlangt ein hohes Mass an Selbstdisziplin, Reflexionsfähigkeit, Zeitmanagement und Strategiewissen. Viele Lernende benötigen dabei Unterstützung. Ohne Struktur, Anleitung oder Feedback bleiben Lernfortschritte häufig aus oder Lernprozesse verlaufen ineffizient.
  • Wie Sie es besser machen: Fördern Sie Selbststeuerung schrittweise. Beginnen Sie mit klaren Strukturen und geben Sie gezieltes Feedback. Unterstützen Sie Lernende beim Setzen realistischer Ziele, bei der Planung und bei der Selbstreflexion. Digitale Tools oder KI-basierte Lernbegleiter können helfen, indem sie personalisiertes Feedback geben oder Lernfortschritte sichtbar machen – als «Co-Pilot», nicht als «Autopilot». So entsteht eine gesunde Balance zwischen Eigenverantwortung und professioneller Unterstützung.

Mythos 6: Die 70-20-10-Regel beschreibt, wie Lernen funktioniert

«70 % lernen wir durch Erfahrung, 20 % durch andere und nur 10 % durch Schulungen.»

  • Was der Mythos meint: Die sogenannte 70-20-10-Regel besagt, dass der grösste Teil des Lernens informell am Arbeitsplatz stattfindet, während formale Trainings kaum Einfluss haben.
  • Warum es ein Mythos ist: Diese Formel basiert nicht auf wissenschaftlicher Forschung, sondern auf subjektiven Einschätzungen einer kleinen Gruppe von Führungskräften. In der Praxis lassen sich formelles, informelles und soziales Lernen kaum klar trennen. Zudem setzt das Modell stark motivierte und selbstreflektierte Lernende voraus – ein Ideal, das in der Realität selten flächendeckend zutrifft.
  • Wie Sie es besser machen: Nutzen Sie die Grundidee der 70-20-10-Regel als Anregung, nicht als feste Vorgabe. Schaffen Sie Lernangebote, die Praxisnähe, Austausch und Reflexion miteinander verbinden. Fördern Sie eine Feedbackkultur, in der Erfahrungen geteilt und reflektiert werden können. Planen Sie gezielt den Praxistransfer, unterstützen Sie selbstgesteuerte Lernprozesse und stellen Sie sicher, dass Lernende Zeit und Raum zum Lernen haben. Theorie und Praxis ergänzen sich; das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Fazit: Lernen wirkt, wenn wir Mythen hinter uns lassen

Viele Überzeugungen über das Lernen halten sich hartnäckig, auch, wenn sie wissenschaftlich längst widerlegt sind. Lerntypen, feste Vergessenskurven oder die 70-20-10-Regel wirken auf den ersten Blick plausibel, lenken aber oft vom Wesentlichen ab: Lernen ist individuell, komplex und vor allem kontextabhängig. Entscheidend ist, wie wir Lernprozesse gestalten: relevant, praxisnah und aktivierend.

Der Schlüssel zu nachhaltigem Lernerfolg liegt in evidenzbasierter Didaktik, dem sinnvollen Einsatz digitaler Medien und einem Verständnis für psychologische Lernprinzipien. Denken Sie stets an das Motto: «Kenne deine Lernenden.» Wer die Vorlieben, Herausforderungen und das Vorwissen seiner Zielgruppe kennt und ernst nimmt, schafft Lernumgebungen, die motivieren, Wissen verankern und echte Kompetenzentwicklung fördern.

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