Die 7 Todsünden im E-Learning – und wie Sie’s besser machen

Ein E-Learning wird mit viel Aufwand entwickelt, geht live. Der Effekt? Geringe Abschlussquoten, mässiges Feedback und wenig Transfer in den Berufsalltag. Das ist frustrierend, aber leider kein Einzelfall.

In unserer Arbeit als E-Learning Agentur sehen wir immer wieder dieselben Stolperfallen. Sie sind nicht spektakulär – aber sie sabotieren Lernangebote zuverlässig. In diesem Beitrag finden Sie die sieben häufigsten Todsünden im E-Learning. Und wir sagen Ihnen, wie Sie die Fallen umgehen.

somedia learning simone pauli

Autorin: Simone Pauli; Co-Geschäftsführerin und Mitinhaberin
Datum: 5. Dezember 2025
Lesedauer: 4 Minuten

Todsünde #1: Die Zielgruppe wird nicht (konsequent) berücksichtigt

Wenn Lernende den Eindruck haben, ein Kurs passe nicht zu ihnen, sinken Motivation und Lernerfolg – unabhängig davon, wie gut Inhalte oder Design sind.

Typische Anzeichen der Nicht-Berücksichtigung:

  • Das Niveau der Inhalte ist zu hoch oder zu niedrig.
  • Es wird zu viel Fachsprache verwendet.
  • Der Kurs ist für ein Endgerät konzipiert, das in der Praxis kaum genutzt wird.

Tipps: Definieren Sie die Zielgruppe zu Beginn so konkret wie möglich: Vorwissen, Aufgaben, Sprache, technische Rahmenbedingungen, Motivation und No-Gos. Bei heterogenen Gruppen lohnen sich unterschiedliche Lernpfade oder modulare Einstiege, damit jede Person nur das lernt, was sie wirklich braucht.

Beispiel: In der Schulung zum Thema Notfallmanagement wählen Lernende zu Beginn ihre Rolle. Und sehen dann jene Inhalte und Tipps, die für ihren Alltag relevant sind.

Todsünde #2: Es fehlt der Bezug zum Berufsalltag

Ohne klare Verbindung zur Praxis bleibt Wissen theoretisch. Und theoretisches Wissen geht schnell vergessen.

Tipps: Gestalten Sie den Einstieg über eine reale Situation aus dem Alltag der Lernenden. Arbeiten Sie mit konkreten Fällen, typischen Entscheidungen und realistischen Konsequenzen. Das erhöht Relevanz und Merkfähigkeit.

Beispiel: Am Flughafen Zürich begleiten Mitarbeitende Peter, der auf dem Weg ins Büro einen Brand im Serverraum bemerkt. An Schlüsselstellen entscheiden sie: Wie soll Peter reagieren?

👉 Zum Projekt

Todsünde #3: Die Struktur ist unklar oder inkonsequent

Ein E-Learning ohne roten Faden wirkt schnell wie eine lose Sammlung von Folien. Ohne Struktur fehlt die Orientierung; man weiss weder, wo man steht, noch wie die Puzzleteile zusammenpassen. Irgendwann verliert man die Lust und klickt sich nur noch durch.

Tipps:

  • Formulieren Sie zu Beginn maximal 3–5 klare Lernziele.
  • Strukturieren Sie Inhalte logisch (z. B. vom Einfachen zum Komplexen, chronologisch oder via Storytelling).
  • Geben Sie Orientierung durch Kapitelübersichten, Fortschrittsanzeigen und kurze Zusammenfassungen.
  • Wenn die Themenabfolge nicht automatisch logisch wirkt, unterstützt Storytelling bei der Verknüpfung.

Beispiel: In einer IT-Sicherheitsschulung folgen Lernende einer Mitarbeiterin durch ihren ersten Arbeitstag nach den Ferien: Vergessenes Passwort am Morgen, Phishing-Mail mittags, USB-Stick-Frage nachmittags. Plötzlich hat selbst das Nutzungsreglement eine Story.

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Todsünde #4: Die Informationsflut

«Alles ist wichtig!» sagt der Experte, der die Inhalte liefert. Das Ergebnis: Aus dem geplanten 20-Minuten-Training wird ein 2-Stunden-Marathon. Die Lernenden werden mit Informationen überflutet. In der Psychologie nennt man das «Cognitive Overload» – das Gehirn ist überfordert, schaltet ab, merkt sich höchstens Bruchstücke.

Tipps: Orientieren Sie sich strikt an Ihren Lernzielen: Ist dieser Inhalt wirklich nötig, um die Ziele zu erreichen? Unterscheiden Sie Must-know von Nice-to-know: Zusatzinfos sind verlockend, aber meistens nicht relevant. Kürzen Sie radikal: Wenn es in 20 Minuten geht, nutzen Sie nicht die volle Stunde. Weniger ist mehr!

Todsünde #5: Passive Berieselung

Wann haben Sie sich zuletzt bei einem E-Learning dabei ertappt, einfach nur weiterzuklicken? Text überflogen, Video in doppelter Geschwindigkeit… Passives Konsumieren ist das Gegenteil von Lernen. Lernen entsteht durch Verarbeitung, nicht durch Konsum. Wer nur liest oder schaut, erinnert sich oft wenig. Dabei ist aktive Einbindung einer der grössten Mehrwerte digitalen Lernens! Viele Kurse verschenken dieses Potenzial völlig.

Tipps: Bauen Sie Interaktion ein! Multiple Choice ist okay, aber es gibt so viel mehr – Drag-and-Drop, Lückentexte, Entscheidungs-Szenarien. Geben Sie sofortiges Feedback: Nicht irgendwann am Schluss, sondern direkt nach jeder Antwort. Und zwar nicht nur «Falsch», sondern «Deshalb ist es falsch. Auch bei Fragen ohne klares Richtig/Falsch können Musterlösungen zum Vergleich helfen. So bleibt die Aufgabe lernwirksam, auch ohne eindeutige Lösung.

Todsünde #6: Textwüsten und Schachtelsätze

«Die Durchführung einer Prüfung der Daten erfolgte durch die Mitarbeitenden.» Oder noch besser: «Sollten Sie in Ihrem elektronischen Posteingang eine Nachricht entdecken, die den typischen Charakter einer Phishing-Mail trägt, dann ist es von höchster Bedeutung, dass Sie diese nicht ignorieren oder eigenständig zu löschen versuchen.» Wow. Das muss man zweimal lesen. Mindestens. Schachtelsätze, Nominalstil und Passivformulierungen machen Inhalte schwer zugänglich – besonders digital.

Tipps: Schreiben Sie, wie Sie sprechen. Schreiben Sie so, dass man gern weiterliest: mit kurzen Sätzen und genau einem Gedanken pro Satz. Formulieren Sie aktiv statt passiv, also lieber «Die Mitarbeitenden prüfen die Daten» als «Die Daten werden geprüft». Sprechen Sie Lernende direkt an: «Melden Sie Phishing-Mails sofort der IT» – fertig, verständlich, handlungsorientiert. Fachbegriffe nutzen Sie nur, wenn sie wirklich nötig sind, und dann bitte mit kurzer Erklärung oder einem kleinen Glossar, damit niemand unterwegs verloren geht. Und zum Schluss der simpelste Qualitätscheck überhaupt: der Vorlesetest. Lesen Sie Ihren Text laut vor. Stolpern Sie? Dann umschreiben. Wenn es für Sie flüssig klingt, wird es auch für Ihre Lernenden flüssig sein.

Beispiel: Vorher-Nachher

  • Vorher: «Sollten Sie in Ihrem elektronischen Posteingang eine Nachricht entdecken, die den typischen Charakter einer Phishing-Mail trägt, dann ist es von höchster Bedeutung, dass Sie diese nicht ignorieren oder eigenständig zu löschen versuchen. Stattdessen muss die betreffende Nachricht unverzüglich und ohne weitere Interaktion an unsere IT-Abteilung weitergeleitet werden.»

Nachher: «Wenn Sie eine Phishing-Mail erhalten, melden Sie diese sofort der IT-Abteilung.»

Todsünde #7: Design-Desaster

Bunte Farbchaos-Explosion trifft wackelndes GIF trifft «Comic Sans». Oder noch schlimmer: Das Training sieht aus wie aus 1995. Beides tötet die Motivation sofort. Schlechtes Design ist nicht nur unschön – es ist ein echtes Lernhindernis. Es lenkt ab, überflutet die Sinne, lässt Inhalte unprofessionell wirken und raubt dem Training die Glaubwürdigkeit.

Tipps: Die Lösung ist oft erstaunlich simpel: Weniger ist mehr. Halten Sie das Design konsistent – maximal zwei Schriftarten, ein klares Farbschema und ein durchgehender Bildstil. Nutzen Sie Weissraum bewusst, denn nicht jede Fläche muss gefüllt sein. Achten Sie auf die Leserichtung: Wichtiges gehört nach oben links, Details nach unten rechts oder werden Schritt für Schritt eingeblendet. Testen Sie Ihr E-Learning unbedingt responsiv auf allen Zielgeräten, also Laptop, Tablet und Smartphone. Und wenn Sie Animationen einsetzen, dann mit Sinn – nicht alles muss einfliegen, nur weil es kann.

Weniger ist mehr heisst dabei nicht langweilig: Das Design darf und soll zum Inhalt passen. Ein Training zum «Zweifel Spirit» darf knallig, kreativ und frisch sein, eine Compliance-Schulung wirkt meist stärker, wenn sie klassisch-professionell bleibt.

👉 Zweifel Spirit – buntes, frisches Design

👉 Compliance-Schulung – klassisch-professionell

Quick Wins: Drei Sofortmassnahmen

Wenn Sie diese sieben Todsünden vermeiden, gewinnt Ihr E-Learning sofort an Wirkung. Lernende fühlen sich angesprochen, finden sich besser zurecht und bleiben mental dabei – statt nur durchzuklicken.

Oft sind es keine grossen Eingriffe, sondern klare Prioritäten in Konzeption, Sprache, Aktivierung und Design, die den Unterschied machen. Vielleicht denken Sie jetzt: «Klingt plausibel – aber wo fange ich an, wenn Zeit und Ressourcen knapp sind?». Mit den folgenden drei Fragen erkennen Sie schnell, wo Ihr grösster Hebel liegt und was Sie ohne grossen Umbau sofort verbessern können.

  • Kennen Sie Ihre Zielgruppe wirklich? Prüfen Sie: Passt die Sprache? Stimmt das Vorwissen? Nutzen alle ein Desktop – oder scrollt die Hälfte am Smartphone?
  • Was kann weg? Streichen Sie radikal alles, was nicht direkt auf ein Lernziel abzielt. Ihr Training muss nicht alles abdecken – nur das Richtige.
  • Wo können Lernende aktiv werden? Tauschen Sie reine Textstrecken gegen Drag-and-Drop, Entscheidungsszenarien oder Reflexionsfragen aus.

Gutes E-Learning ist kein Hexenwerk. Es braucht Zielgruppenkenntnis, Praxisbezug, klare Struktur, Fokussierung, Aktivierung, einfache Sprache und gutes Design. Diese Prinzipien machen den Unterschied zwischen einem Training, das durchgeklickt wird und einem, das motiviert und Lernerfolge schafft.

Dieser Blogbeitrag basiert auf unserem Webinar «Todsünden im E-Learning und wie Sie es besser machen» vom Dezember 2025. Die vollständige Aufzeichnung finden Sie in der Somedia Academy.

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