Storytelling: Spannende Lerninhalte mit guten Geschichten

Storytelling: Die Technik aus dem Marketing macht auch in digitalen Lernangeboten Sinn. In diesem ersten Beitrag zum Thema fragen wir: Was ist Storytelling und wie kommen Autorinnen und Autoren zu guten Geschichten, um Lerninhalte spannender zu machen?

Autor
René Oberholzer
Lesedauer
6 Minuten
Thema
Storytelling

Storytelling: Aufmerksamkeit erregen mit Geschichten

Wir kennen es aus eigener Erfahrung, aus Märchen, aus Filmen, aus gut gemachter Werbung: Eine lebendig erzählte Geschichte gewinnt die Aufmerksamkeit von Menschen leichter als eine logisch-sachliche Darlegung von Fakten. Das macht sich beispielsweise das Marketing von Unternehmen und seit einiger Zeit auch das Bildungswesen unter dem Schlagwort Storytelling zunutze. Storytelling ist die Kunst, fast beliebige Inhalte und Informationen in eine gute Geschichte zu verpacken, die das Publikum fesselt, Emotionen weckt und bleibenden Eindruck hinterlässt. Im Lernkontext könnte man anfügen:  … und deren Inhalte deshalb später zuverlässig erinnert werden.

 

Warum sollten wir Storytelling im Lernkontexten einsetzen?

Unser Gedächtnis «liebt» Geschichten. Inhalte, die durch Geschichten vermittelt werden (Eigenschaften von etwas oder jemandem, Weisheiten, Regeln, Werte, Vorgehenswissen usw.), werden besser erinnert, sind überzeugender und wirken deshalb später eher handlungsleitend. Das gilt ganz besonders, wenn die Geschichte Emotionen erzeugt. Spass, Stolz, Freude, Neugier, und ja: auch Ärger oder Angst vermögen diesen Behaltensvorteil zu erzielen.

Machen wir die Probe. Erinnern Sie sich, wer folgende Sätze sagt – und in welcher Situation?

  • «Grossmutter, was hast du so grosse Hände?»
  • «Das ist Tells Geschoss!»
  • «Ich bin der König der Welt!»

Wer je Grimms Märchen gelesen, Schillers Tell-Drama oder James Camerons Titanic-Verfilmung gesehen hat, wird keine Mühe mit den Antworten haben.

 

Ok, und wie komme ich zu einer erzählenswerten Geschichte?

Im Bildungskontext sind die professionellen Autorinnen und Autoren selten vom Fach, das sie vermitteln sollen. Müssen sie auch nicht, denn ihre Aufgabe ist die didaktisch geschickte Verpackung, die das Lernen erleichtern soll. Da kommt Storytelling gerade richtig. Nur: Wie kommen sie zu einer guten Geschichte um den Lerninhalt herum?

Meist mit gezielten Fragen an die Fachleute. Hier ein paar Beispiele:

Welches Problem löst das Thema und für wen?
Nehmen wir eine kleine Story über Produktmanager Fabio als Beispiel. Fabio braucht auf die Schnelle einen Übersetzungsdienst für eine Gebrauchsanweisung. Zu gerne würde er die Speedtranslate GmbH beauftragen – denn da arbeitet Julia, die er sehr sympathisch findet. Bloss: Darf er Julia einfach so beauftragen? Welche Vorgaben muss Julias Firma erfüllen? Und wie müsste Fabio vorgehen? Da kommt das Lieferantenmanagement von Fabios Unternehmen ins Spiel – und wird zum Weichensteller, ob Fabio mit seiner Flamme in Kontakt kommt.

Wie sind Sie auf die Lösung gekommen?
Immer spannend: Die Entwicklungsstory hinter einer schlauen Lösung, einem erfolgreichen Produkt. Wer war involviert, und wie sind diese Personen darauf gekommen?

Wie hat alles angefangen?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die erste Bahnlinie in der Schweiz «Spanischbrötli-Bahn» hiess? Oder woher der Firmen-Name «Nokia» stammt?

Mit welchen Problemen sieht sich Frau X an einem typischen Arbeitstag konfrontiert?
Sie kennen das «Ein Tag im Leben von …»-Prinzip. Man identifiziert sich oder grenzt sich ab, ist aber sofort gedanklich dabei.

Und wenn ich die Story selbst erfinden muss?
Es gibt auch Fragen, mit denen Autorinnen und Autoren eine eigene Story entwickeln können. Meist liefern sie gute Geschichten für einen spannenden Einstieg.

Hat unser Thema strukturelle Ähnlichkeit mit etwas anderem?
Das ist die Frage nach der Analogie. Analogien können Unbekanntes mit Bekanntem verbinden. Dabei geht es nicht darum, Inhalte zum Analogon zu vermitteln. Es liefert nur den Aufhänger für die Geschichte.

Ein Beispiel: Ameisen stehen nie im Stau, auch wenn der Pfad viel enger ist als auf dem Bild und sie zu Hunderten unterwegs sind. Wie vermeiden sie, dass es stockt? Und warum bekommen wir das auf unseren Strassen so schlecht hin? Schon sind wir beim Thema Mobilität und Fahrtechnik.

Anderes Thema: Compliance. Regeln und Verbote. Gähn. Aber Moment mal! Regeln gibt’s auch auf dem Fussballfeld, auf dem Spielplatz, im Strassenverkehr … Wo kämen wir hin, wenn sich niemand an sie hielte?

What if-Statement (Was wäre, wenn …)
Hier geht es darum, Utopien zu entwerfen und diese als Ausgangpunkt für eine Geschichte zu verwenden (z. B. zur Überlegung, was es bräuchte, um einen Status quo zu verbessern, oder um eine Analogie zu finden).

What if-Statements waren schon oft Ausgangspunkt von Kinoerfolgen:

  • Was wäre, wenn die Welt eine Simulation in einem Computernetzwerk wäre?
  • Was wäre, wenn eine Ratte Spitzenkoch wäre?

Zu weit weg von realen Lerninhalten? Einverstanden, aber das Prinzip lässt sich oft auf den Lerninhalt oder die Lernziele anwenden. Daraus ergeben sich anregende Einstiegsgeschichten. Einige Beispiele:

  • Was wäre, wenn ich jede gewünschte Information in mein Gesichtsfeld einblenden könnte? (Thema «Virtual Reality»)
  • Was würde geschehen, wenn eine Behörde so kompliziert kommunizieren würde, dass niemand mehr ihre Nachrichten versteht? (Thema «Einfache Sprache»)
  • Was wäre, wenn sich eine Kaffeemaschine über Bauchschmerzen beklagen könnte? (Thema «Bauteile und Unterhalt von Kaffeemaschinen»)
  • Was wäre, wenn Superman ein Sozialphobiker wäre? (Thema «Strategien zur Stressbewältigung»)

 

Mögliche Figuren

Das letzte What if-Statement bringt uns auf eine Zutat, die fast jede Geschichte braucht: den oder die Titelheld:in. Das kann z. B. eine fiktive Person sein,

  • die ein akutes Problem hat (das dem Zielpublikum natürlich bestens vertraut ist),
  • die auf eine Entwicklungsreise geht (Erlebnisse hat, die ihn oder sie weiterbringen),
  • die etwas für sie Wichtiges erreichen will und dazu Widerstände überwinden muss (einen Auftrag gewinnen, einen Prozess fehlerfrei abwickeln, Führungsstärke in schwierigen Situationen beweisen)
  • die ganz unerwartete Eigenschaften hat (z. B. ein veganer Rocker).

Manchmal ist es auch eine reale Person (CEO usw.), die etwas zu erzählen hat («Bei uns war das so: Wir hatten dieses oder jenes Problem, das zeigte sich an…  und deshalb machen wir nun …»).

Auch personifizierte Gegenstände mit menschlichen Regungen geben bisweilen gute Titelhelden ab:

Mit den Antworten auf gezielte Fragen und einer sympathischen handlungstragenden Figur sind wir schon mal in einer guten Ausgangslage, um eine Geschichte zu entwickeln. Achtung Cliffhanger: Im zweiten Teil des Beitrags zum Storytelling widmen wir uns den Möglichkeiten, einen Spannungsbogen aufzubauen.

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