Interaktivität: der heilige Gral des E-Learnings

E-Learning bietet viele Vorteile. Die Lernenden können beispielsweise Inhalte zeit- und ortsunabhängig in ihrem eigenen Tempo konsumieren, die Kosten für Trainer*innen können minimiert werden und so weiter. Das allein macht E-Learning aber nicht automatisch spannend und attraktiv. Ein PDF, das digital aufgerufen werden kann, ist noch lange kein E-Learning, das Klicken auf einen Weiter-Button schafft noch keine Spannung. Damit der Lernerfolg maximiert wird und ein Online-Training Spass macht, muss man einiges beachten. Zentral ist das Thema «Interaktivität». Und um genau das geht es in diesem Beitrag.

Lernen soll Spass machen

Um Neues zu lernen, müssen wir uns mit der Materie auseinandersetzen – wir müssen etwas lesen, ausprobieren, beobachten, verinnerlichen – kurz: der Sache auf den Grund gehen und uns aktiv damit beschäftigen. Zu Beginn eines Online-Trainings heisst es oft «Nehmen Sie sich für die Bearbeitung der Inhalte ca. 20 Minuten Zeit». Die aktive Lernzeit, sprich jene Zeit, in der sich die Lernenden aktiv mit den Inhalten beschäftigen, bestimmen sie aber im Endeffekt selbst.

Bestimmt kommt Ihnen das bekannt vor: Interessiert Sie etwas oder macht etwas Spass, sind Sie motivierter und beschäftigen sich automatisch länger damit. Finden Sie hingegen etwas langweilig und mühsam, braucht es viel Überwindung. Um durchgängig und konzentriert an einer Aufgabe zu arbeiten, ist ein hohes Mass an Selbstkontrolle nötig. Selbstkontrolle meint die Überwindung oder Veränderung eigener Reaktionen – vereinfacht gesagt geht es darum, Versuchungen zu widerstehen, Gewohnheiten zu durchbrechen und Selbstdisziplin auszuüben (Bertrams & Dickhäuser, 2009). Heisst im Lernkontext: Ich beschäftige mich mit den Lerninhalten und nicht mit irgendetwas anderem.

Wir geben unser Bestes, damit die Lernenden unsere Online-Trainings gerne machen. Das versuchen wir, neben einer sauberen didaktischen und grafischen Aufbereitung der Inhalte, mit abwechslungsreicher Interaktivität zu erreichen. Die Lernenden müssen sich Informationen wo immer möglich und sinnvoll selbst «holen», sei es über interaktive Illustrationen und Grafiken, über Prozesse, die selbst ausgeführt werden können oder über Fragen und Übungen, die gelöst werden müssen. So halten wir die Aufmerksamkeit hoch, regen die Lernenden zum Mitdenken an und steigern den Spass-Faktor.

 

Interaktivität ist nicht gleich Interaktivität

Stellen Sie sich vor, sie müssten ein Online-Training zum Thema «Virtuelle Führung» absolvieren. Es geht um Meetings in Microsoft Teams und wie diese spannend gestaltet werden könnten. Auf welche Art würden Sie sich die Informationen lieber zu Gemüte führen:

  1. In einem einseitigen Lauftext, in dem das Thema schriftlich erörtert wird.
  2. In einem nachgebauten Teams-Meeting mit einer fiktiven Person, der Sie Fragen zum Thema stellen können. Zur Auswahl stehen fünf Fragen, die in beliebiger Reihenfolge gestellt und entsprechend beantwortet werden können.

Ich würde b) bevorzugen, und Sie?

Variante b) ermöglicht es mir, die für mich interessantesten Fragen zuerst zu stellen. Mit der Antwort erhalte ich die theoretischen Informationen portioniert und in gut verdaubaren Häppchen. Allenfalls habe ich sogar die Möglichkeit, spezifisch nachzufragen, wenn ich mehr über ein Thema wissen möchte.

Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Inhalte bei a) für jeden User gleich sind (Lauftext) und bei b) je nach Auswahl unterschiedliche Informationen erscheinen. Letzteres ist kennzeichnend für Interaktivität: «Interaktivität in Bezug auf Computersysteme beschreibt die Eigenschaften von Software, dem Benutzer verschiedene Eingriffs- und Steuermöglichkeiten zu eröffnen. Mit der Idee der Interaktivität ist im Zusammenhang mit digitalen Medien ausserdem die wechselseitige Kommunikation von Sender und Empfänger gemeint: Ein Empfänger kann zum Sender werden, und umgekehrt» (Definition gemäss e-teaching).

Fazit: Interaktivität ist dann vorhanden, wenn die Software – in unserem Fall das Lernprogramm – userspezifisch reagiert.

 

Welche Möglichkeiten zur Interaktivität gibt es?

Beispiel 1: Aufdeck-Handlungen

Interaktionen können Aufdeck-Handlungen sein, zum Beispiel anklickbare Illustrationen oder Suchbilder. Ihnen allen gemein ist, dass mit Klick auf ein Objekt Informationen sichtbar werden oder eine Handlung ausgelöst wird.

So auch in einem Lernprogramm, das wir für die Flughafen Zürich AG zum Thema «Sicherheit» erstellen durften. Im nachfolgenden Wimmelbild müssen die Lernenden beispielsweise verbotene Gegenstände, Auffälligkeiten und potenzielle Verstecke suchen. Mit Klick auf den Bereich erhalten sie weiterführende Informationen zur Reaktion in der entsprechenden Situation. Bei dieser Interaktionsart reagiert die Software unabhängig vom Lernenden immer gleich, allenfalls aber in unterschiedlicher Abfolge.

Mittels interaktiver Elemente gibt es wie im Teams-Beispiel weiter oben beschrieben die Möglichkeit, den Lernenden freie Hand zu lassen, was die Reihenfolge des Informationsabrufs betrifft.

Im nachfolgenden Beispiel können wahlweise drei Personen angerufen werden, die etwas über «virtual collaboration» erzählen. Wer zuerst angerufen wird, können die Lernenden selbst entscheiden.

Beispiel 2: Handlungsalternativen

Kennen Sie den Netflix-Film «Bandersnatch»? In diesem interaktiven Film bestimmen die Zuschauer die Handlung, indem sie aus jeweils zwei Alternativen wählen. Je nach Wahl hat der Film eine etwas andere Handlung. Diese Art der Interaktion kann auch in Online-Trainings genutzt werden. Nachfolgend ein Sprechertext eines Videos, der den Ablauf verdeutlicht:

Peter arbeitet bereits vier Monate als Praktikant bei der Flughafen Zürich AG. Wie gewohnt macht er sich nach seiner Mittagspause in der Kantine und einem kurzen Verdauungsspaziergang auf den Weg zurück ins Büro. Von weitem sieht er, dass aus dem Türspalt beim Serverraum Rauch kommt. Je näher er dem Raum kommt, desto mehr nimmt er einen ungewöhnlichen Geruch wahr. Es brennt!

Das Video stoppt und die Lernenden sehen folgendes Bild:

Die Lernenden können nun entweder auf den Handalarmtaster oder auf das Handy klicken. Entsprechend ihrer Wahl geht das Video weiter.

Auch bei einem anderen Projekt, bei welchem die Lernenden zu Kameras, Objektiven und verschiedenen Einstellungen geschult wurden, kamen Interaktionen zum Einsatz. Es konnte beispielsweise am Kamerarad gedreht und die Einstellungen verändert werden. Die Auswirkungen der Einstellungen auf die Aufnahme wurden direkt an einem Beispiel verdeutlicht.  

Beispiel 3: Feedback

Zu den Interaktionsklassikern zählen jegliche Art von Fragen – von Multiple Choice, Drag & Drop und Klickspot bis hin zu Lückentexten. Die Rückmeldungen können als Richtig/Falsch-Antwort erfolgen mit entsprechender Erklärung und/oder weiteren Informationen.

Das Feedback kann entweder direkt nach der Frage folgen oder am Ende als Auswertung.

Fragen müssen nicht nur der Wissenskontrolle dienen, sondern können auch zum Mitdenken anregen, zum Beispiel als «Was denkst du»-Fragen.

Eingestreute Frageformate haben übrigens auch in Instruktionssequenzen ihre Berechtigung, um das Verständnis des bisher vermittelten Inhalts zu prüfen. Die Mehrzahl der Teilnehmenden mögen – im «geschützten» Rahmen eines Online-Lernmediums – durchaus gelegentliche Herausforderungen. Und positive Rückmeldungen auf gelöste Aufgaben motivieren zum Weitermachen.     

 

Wie viel ist genug?

Natürlich macht auch das alleinige Vorhandensein von Interaktionen ein Online-Training noch nicht spannend und attraktiv. Es gilt, passende Interaktionen zu wählen und diese grafisch und didaktisch hochwertig aufzubereiten. Unser Motto ist: «Qualität vor Quantität». Nichtsdestotrotz empfehlen wir, auf jeder zweiten bis dritten Seite eine Interaktionsmöglichkeit zu bieten.

Im Optimalfall lassen Sie das Zielpublikum die realistischen Konsequenzen von getroffenen Entscheidungen und Auswahlen erleben. Wenn Sie die Lernenden regelmässig mit Interaktionen aktivieren, bleiben sie aufmerksam, der Lernerfolg wird gesteigert und sie lernen gern und sind zufrieden – Ziel erreicht, oder?

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